Ein Interview mit Hendrik Epe: Blogger für Sozialthemen, Qualitätsbeauftragter für Gesundheit und Soziales

1) Wie schätzen Sie die derzeitige Situation der Sozialbranche ein?

Die Frage ist natürlich sehr übergreifend: Was ist unter „der Sozialbranche“ zu verstehen? Aber damit geht in meinen Augen schon eine der wesentlichen Herausforderungen einher, mit denen „die Sozialbranche“ zu kämpfen hat:

Wir bewegen uns in so vielen unterschiedlichen Bereichen, Handlungsfeldern, Organisationen, Organisationsformen etc. und versuchen oft, mit wenigen Worten die „unfassbare Komplexität“ begreifbar zu machen. Das geht meistens schief und führt zu „platten Phrasen“, mit denen wenig Konkretes anzufangen ist. Das führt dann wiederum oft dazu, gar nichts zu tun und abzuwarten. Ich merke diese Schwierigkeit der Breite des Feldes deutlich, wenn ich in meinem Blog (https://hendrikepe.wordpress.com) versuche, über „Soziale Organisationen“ zu schreiben: Spreche ich jetzt gerade von dem Caritas-Verband mit 2.000 hauptamtlich Angestellten oder von der stationären Jugendhilfeeinrichtung oder von einem neuen, innovativen Projekt eines oder mehrerer Gründer? Schwierig…

Aber unter dem Fokus der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ist „das Sozialwesen“ eine der Wachstumsbranchen, was sich bspw. in einem schon jetzt existierenden und sich zukünftig deutlich verschärfenden Fachkräftemangel niederschlägt (http://www.sonderpaedagogik.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06040030/Downloads/Ratz/Studie_Fachkraeftemangel_2012_Ergebnisse_Langfassung_01.pdf).

“Wachstumsbranche” klingt aber aus einer anderen Perspektive ziemlich schräg, da damit ja auch einhergeht, dass mehr Soziale Probleme zu bearbeiten sind und nicht weniger. Aber mit Blick aus einer professionellen Sichtweise als Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist festzustellen, dass uns die Arbeit wohl vorerst nicht ausgeht. 

 

2) Wo liegen die stärksten Unterschiede zwischen den Sozialunternehmen hinsichtlich der Veränderungskompetenz im Unternehmen?

Mit der Frage nach der Kompetenz zur Veränderung geht die Frage nach der konkreten Organisation einher:

Der kleine, unabhängige Verein um die Ecke kann schneller und einfacher Veränderungen vornehmen, sofern die Mitglieder überzeugt werden, dass die Veränderungen notwendig sind. „Tanker“ wie große Verbände tun sich entsprechend schwerer, sind dabei auch an ganz andere Vorgaben, hierarchische Strukturen etc. gebunden. So kann ein Caritas-Verband nicht mal eben sein Portfolio um die Begleitung von homosexuellen Paaren in Fragen des Kinderwunsches erweitern, auch wenn hier vielleicht ein Bedarf besteht.

Andererseits, und hier kommt wieder die Komplexität unseres Bereichs zu tragen, verfügen die großen Organisationen natürlich über die entsprechenden Mittel, Organisationsentwicklungsprozesse professionell begleiten zu lassen. Damit agieren die Wohlfahrtsverbände aus meiner Perspektive heraus auch immer wieder als „Vorreiter“ in der Erprobung und Einführung von neuen Angeboten, neuen Organisationsformen etc. 

Das war jetzt aber nur eine Unterscheidung zwischen klein und groß, sozusagen als ein Kriterium für Veränderungskompetenz. Unabhängig von der Größe aber spielt die Unternehmenskultur, die informale Seite der Organisation, eine wesentliche Rolle: Wie gehen die Mitarbeitenden mit Fehlern um? Werden diese unter den Teppich gekehrt oder als Lernchancen genutzt? Gerade in Sozialen Organisationen hängen an Fehlern oft Menschenleben, Stichwort Kindeswohlgefährdung, dessen muss man sich bewusst sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass gerade ein offener Umgang mit Fehlern, mit Problemen, mit persönlichen und professionellen Herausforderungen dazu führen kann, dass die Organisation ebenso wie die Arbeit in der Organisation besser wird. Mehr Geld allein hilft da übrigens nicht immer, auch wenn dies nach außen gerne so verkauft wird. Ebenso wenig helfen irgendwelche, aus der Betriebswirtschaft entnommene Instrumente wie bspw. Qualitätsmanagement-Verfahren, ohne diese explizit auf die Bedarfe der eigenen Organisation zu übertragen. 

Ein Wort aber noch zu den „Kompetenzen“: Ich bin mir unsicher, ob Organisationen (mehr oder weniger) Kompetenzen für Veränderungen entwickeln können. Aus einer systemtheoretischen Sichtweise geht es vielleicht eher darum, wahrzunehmen, wohin sich die Organisation als System entwickeln will. Klingt etwas esoterisch, aber die Kultur so zu verändern, dass alle auf einmal „innovativ“ sind oder sich wahnsinnig auf die nächste Veränderung freuen oder sich ab Montag alle mehr vertrauen, geht nicht. Hier geht einzig eine Veränderung über die Strukturen (wie bspw. Besprechungen, Protokolle, den Umgang mit Regeln etc.), die dann vielleicht (!) zu einer veränderten Kultur und dann zu einem vielleicht einfacheren Umgang mit Veränderungen führt. 

Ich glaube aber, dass es wichtig ist, in Organisationen der Sozialwirtschaft überhaupt über die Organisation und deren Gestaltung nachzudenken. Das passiert in meinen Augen noch zu wenig. 

 

3) Welche existenziellen Hürden muss die Branche in naher Zukunft überwinden?

Existentiell klingt so nach Ende. Ich bin aber ziemlich optimistisch, dass dies für das Sozialwesen nicht ansteht. Das sieht man bspw. auch bei der Frage nach den Fachkräften: Wir brauchen eher mehr qualifizierte Menschen, um die Soziale Arbeit adäquat erfüllen zu können, da die Probleme nicht weniger werden. Und das ist in meinen Augen auch die größte Herausforderung:

Wenn es den Sozialen Organisationen nicht gelingt, darzustellen, dass sie „gute Arbeitgeber“ sind, dann werden die anfallenden Aufgaben von anderen erledigt werden.

Das ist ein echtes Problem in unserem Bereich: Die Aufgaben lassen sich nicht (ver-)lagern! Kinder sind zu betreuen, alte Menschen benötigen Pflege, Flüchtlinge sind zu versorgen und dann zu integrieren, Angebote im Stadtteil sind zu organisieren und zwar nicht dann, wenn genug Personal zur Verfügung steht, sondern jetzt und hier. Und da müssen wir wirklich aufpassen, dass die Soziale Arbeit ihren professionellen Anspruch hält. Sonst übernehmen un- oder andersqualifizierte Menschen unsere originären Aufgaben. In der Debatte um den Ausbau der Kitas sieht man das ganz gut: da kommen lustige Vorschläge, wer jetzt auf einmal alles Kinder betreuen kann. Gleiches gilt für die Pflege: Es kommt plötzlich nicht mehr auf Qualität an sondern einzig auf das Erledigen der notwendigsten Dinge. Und der Schreiner ebenso wie der Psychologe kann die Kinder in der Jugendhilfeeinrichtung doch genauso gut betreuen, oder? 

Als weitere Herausforderungen kommen dann Fragen hinzu, wie die Sozialen Organisationen bspw. mit neuen Technologien umgehen wollen. Was macht die Digitalisierung mit uns, mit mir persönlich und mit der Einrichtung in der ich arbeite? Zu dem Thema hat die Caritas unter dem folgenden Link jetzt „Prinzipien für die Online-Kommunikation“ veröffentlicht (http://www.caritas-digital.de/so-will-die-caritas-online-kommunizieren/ ), die ich als Orientierung sehr hilfreich finde. Ich glaube, dass viele Soziale Organisationen und die darin Beschäftigten eine „Skepsis vor diesem Neuland“ haben. Aber ignorieren oder die Hoffnung haben, dass das mit diesem Internet nur so ein Hype ist, macht keinen Sinn. Vielmehr gilt es, die enormen Chancen zu sehen, die die Digitalisierung auch für das Sozialwesen bietet. So finde ich es bspw. gut, dass die Caritas als ein Prinzip benannt hat, persönlich zu kommunizieren: “Die Caritas lebt vor Ort wie im Web von Menschen, die sich für andere einsetzen. Deshalb freuen wir uns über Mitarbeiter(innen), die der Caritas online ein Gesicht geben und ihre Erfahrungen einbringen.“ Das ist wichtig: Es sind immer Menschen, mit denen wir es zu tun haben. 

Über die Herausforderungen der Veränderungen der Arbeitswelt habe ich übrigens in meinem Blog geschrieben: https://hendrikepe.wordpress.com/2015/06/14/die-risiken-des-wandels-der-arbeitswelt-fur-organisationen-der-sozialwirtschaft/ 

 

4) Was werden vermutlich die Lösungsansätze sein bzw. welche Erfolgskriterien werden im Vordergrund stehen?

Zur Frage des Fachkräftemangels liegt die Lösung wohl in der Frage, wie „gute Soziale Arbeit“ und konkret wie ein “guter Arbeitgeber im Sozialwesen“ aussehen soll. Ich sehe hier großen Nachholbedarf in den Sozialen Organisationen: Bislang waren diese nicht darauf angewiesen, „employer Branding“, um diesen Begriff zu verwenden, zu betreiben. Wenn aber plötzlich keiner mehr die Arbeit (vor allem in eher ländlichen, abgelegeneren Regionen) machen will, stellt sich die Frage ganz anders: Wie wollen wir arbeiten? So, wie bislang? Ist das ausreichend? Oder bedarf es hier ganz neuer Wege? Wenn ich mir die Arbeit in den Sozialen Organisationen so anschaue – so jedenfalls meine Hoffnung – müssen die Organisationen in Zukunft zumindest beginnen, darüber nachzudenken, wie denn neue Wege aussehen könnten. Es gibt hier auch – so gerne man das vielleicht will – keine Patentrezepte: “Die fünf Schritte machen aus ihrer Organisation noch lange keinen geilen Laden.“ ;-) 

Viel wichtiger ist es, die Organisation in ihrem jeweiligen Zustand zu sehen und dann festzustellen, welche Möglichkeiten, Potentiale die Organisation hat, die bislang noch nicht ausgeschöpft wurden, die verborgen sind, die blinden Flecken der Organisation, sozusagen. Daraus lässt sich dann was machen. Das Erfolgskriterium liegt, wenn man so will, hier nur in der jeweiligen Organisation, die Strukturen entwickeln kann, um verborgene Potentiale besser zu nutzen. Denkbar sind bspw. Reflexionsräume und –zeiten, in denen die Organisation von den Mitarbeitenden reflektiert wird.  

Einen anderen Lösungsansatz sehe ich in der Ausbildung zu Sozialer Arbeit. Es sind „spezielle” Menschen, die diesen Job machen, und das ist auch gut so: Idealismus kommt vor monetären Anreizen, Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit etc. stehen im Vordergrund. Aber hier muss ein Bewusstsein bzw. eine Balance schon in den grundständigen Ausbildungen und Studiengängen hergestellt werden zwischen eben diesen Werten und den enorm komplexen Anforderungen der hybriden Organisationen, die eben zwischen Werten wie Nächstenliebe und finanziellem Überleben agieren. Hier wundern sich immer viele Studierende, mich damals übrigens eingeschlossen, dass es nicht nur um Helfen geht und gehen kann. Es ist sozusagen ein Organisationsbewusstsein zu schaffen, das beides – Sinn und Finanzierung – im Blick hat, ohne einen der beiden Pole zu vernachlässigen. Ich habe mal versucht, diesen Aspekt und die damit einhergehenden Probleme hier zu beschreiben; http://wp.me/p1xVuF-9e 

Wie kann die Ausbildung für Soziale Arbeit zukunftsfähig gestaltet werden, ohne die Spezifika der Sozialen Arbeit zu vernachlässigen? So kommen die Menschen, die jetzt Soziale Arbeit studieren, in vielleicht 4 – 5 Jahren auf dem Arbeitsmarkt an. Welche Herausforderungen sind dann zu lösen? Welcher Kompetenzen auf Seiten der Fachkräfte bedarf es? 

 

5) Alle Branchen wurden durch den E-Commerce ziemlich durchgeschüttelt, wird das auch der Sozial Branche passieren oder ist es schon voll im Gange? 

Hm, E-Commerce als „Einkauf von Sozialen Dienstleistungen über das Internet“  sehe ich so in der Sozialwirtschaft bislang (noch) nicht. Das heißt aber überhaupt nicht, dass es nicht denkbare Geschäftsmodelle gibt, die die bislang etablierten Formen Sozialer Arbeit in Frage stellen. Wie wäre es z.B. mit Online-Tools zum Ausfüllen von Anträgen? Wie wäre es mit Online-Tools zur Betreuung und Beratung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen? Wie wäre es mit Bewertungsplattformen, auf denen Klienten die sozialen Dienstleistungen bewerten? Transparent, einsehbar? Wie wäre es mit Stellenplattformen, auf denen sich die Professionellen eintragen und die Sozialen Organisationen um die Professionellen werben? Aber: Es ist wichtig, den Anspruch der Sozialen Arbeit als „Dienst am Menschen“ mit einem entsprechenden Menschenbild und entsprechender Professionalität in den Vordergrund zu stellen und zu verteidigen. Disruptive Geschäftsmodelle wie bspw. Uber haben die Taxi-Branche aufgewirbelt, Airbnb hat die Hotelbranche umgekrempelt. Wenn wir neue Entwicklungen nicht weiter beobachten und bspw. auch von den sog. „Sozialunternehmern“ (https://hendrikepe.wordpress.com/2015/08/01/wie-die-sozialwirtschaft-von-social-entrepreneurship-profitieren-kann-und-umgekehrt/), kann es passieren, dass “wir als Soziale Arbeit“ schnell durch vor allem billigere Leistungen ersetzt werden. Da sollten die Sozialen Organisationen lieber als Gestalter agieren und sich nicht auf vergangenen Lorbeeren ausruhen.

Vielen Dank für das Interview und Ihre Gedanken Herr Epe.

Sven Dönni

 

Sven Dönni, geschäftsführender Inhaber der .andersBerater