andersberater:innen-Logbuch #KW11: Die zwei Schalen.


Warum es sinnvoll sein kann, zwei Schalen zu besitzen: die eine für Freude und die andere für das Leid.

Manchmal entstehen die hilfreichsten Bilder aus den einfachsten Dingen.
Bei mir waren es zwei Schalen.

Die Idee kam mir nicht in einem Seminarraum und auch nicht beim Schreiben eines Konzeptes.

Sie entstand in einem Moment der Achtsamkeit heraus, denn mir war in meinen Coachings aufgefallen, dass manche Menschen die Momente von Freude oder Glück oder auch bestimmte positive Aspekte ihres Lebens nicht richtig wahrnahmen. Sie vergingen fast, ohne registriert und gewürdigt zu werden und mir kam der Gedanke, dass es vielleicht schön und hilfreich sein könnte, ein Gefäß für das Gute und Schöne im eigenen Leben zu haben. Und kam dass dieser Gedanke kam, dachte ich daran, dass sich das Leid – oder zumindest die Empfindung des Leids – so schnell und umfassend ausbreitete. So ganz anders, als es die Freude tut.

Daraufhin begann ich mir vorzustellen, dass ich zwei Schalen bräuchte.

Die erste Schale ist für die Freude.

Viele Menschen – mich eingeschlossen – haben lange gelernt, Probleme zu analysieren, Schwierigkeiten zu verstehen und Leid auszuhalten. Doch Freude behandeln wir oft erstaunlich beiläufig. Sie huscht durch den Tag wie ein kurzer Sonnenstrahl zwischen Wolken. Wir nehmen sie wahr – und gehen weiter.

Mit der Zeit wurde mir klar: Freude braucht Raum. Aufmerksamkeit. Würdigung.

In meiner Vorstellung lege ich deshalb schöne Momente bewusst in diese erste Schale. Ein gelungenes Gespräch. Ein Lachen. Ein Moment von Verbundenheit. Ein kleiner Erfolg. Etwas, das mich berührt oder nährt.

Die Schale füllt sich nicht auf einmal. Aber sie erinnert mich daran, dass Freude gesehen werden will. Dass sie nicht selbstverständlich ist. Und dass sie wächst, wenn wir ihr Platz geben.

Die zweite Schale ist für das Leid.

Auch hier hat sich etwas Entscheidendes verändert. Früher hatte ich das Gefühl, dass Leid alles überfluten kann. Ein schwieriges Thema, eine Enttäuschung, eine Sorge – und plötzlich nahm es den ganzen inneren Raum ein.

Die zweite Schale hilft mir, diesem Leid einen Platz zu geben.

Ich stelle mir vor, dass ich das, was gerade schwer ist, in diese Schale lege. Nicht, um es wegzudrücken. Nicht, um es kleinzureden. Im Gegenteil: Das Leid bekommt Aufmerksamkeit. Es darf da sein. Es wird gewürdigt.

Aber es bekommt auch eine Grenze.

Es liegt in der Schale – nicht überall.

Diese einfache Vorstellung verändert erstaunlich viel. Sie erlaubt mir, das Leid ernst zu nehmen, ohne dass es mein ganzes inneres Leben überwuchert. Es hat Raum, aber nicht den gesamten Raum.

Und während ich mit Menschen arbeite – im Coaching, in Gesprächen oder im Livecoaching – sehe ich immer wieder, wie kraftvoll solche inneren Bilder sein können. Sie schaffen Ordnung in einem emotionalen Raum, der sonst schnell unübersichtlich wird.

Die zwei Schalen sind mein Werkzeug …

… und zugleich erinnern sie mich daran, dass beides zum Leben gehört: Freude und Leid.

Doch sie erinnern mich auch daran, dass ich gestalten kann, wie viel Raum jedes von beiden bekommt.

Die Freude braucht manchmal mehr Aufmerksamkeit, als wir ihr gewöhnlich geben.

Und das Leid braucht manchmal eine klare Schale, damit es uns nicht vollständig überflutet.

Vielleicht ist das einer der stillen Schlüssel zu innerer Balance:
nicht nur das Leben zu erleben, sondern ihm auch Gefäße zu geben.

Carsten

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