In der vergangenen Woche traf sich die deutsche Sozialwirtschaft in Magdeburg. Aber warum eigentlich?

Familienfeiern verlaufen manchmal so: Man trifft sich nach langer Zeit wieder und die Gespräche und Begegnungen kommen nur schwer in Gang. Ist man endlich miteinander warm geworden, ist die Feier auch schon vorbei. Das Familientreffen der Sozialwirtschaft fand vergangene Woche in Magdeburg statt und verlief ganz ähnlich. Themen und Referenten orientierten sich an aktuellen Herausforderungen, „Tradition und Innovation – Strategien für die Zukunft der Sozialwirtschaft“ war der Kontext, in dem sich die diesjährige Tagung abspielte. Das versprach Spannung, die sich aber selten einstellte.

Was stattfand, waren eher punktuelle Ergebnispräsentationen, mal aus der Forschung, mal aus der Praxis oder aus der Beratung. In einem sehr interessanten Einführungsreferat schilderte Prof. Johanna Mair von der Hertie School of Governance (Berlin) den aufreibenden Prozess der Innovation als Investition in die Zukunft. Rifat Fersahoglu-Weber, Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Braunschweig erläuterte in seinem eloquenten Vortrag den Umbau seines Verbandes im Hinblick auf Innovationsfähigkeit und beschrieb die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Innovationsmotoren.

Motivierend und inspirierend waren nicht zuletzt zwei Gründer, die Norbert Kunz, Geschäftsführer des Gründungslabors Social Impact GmbH mit im Gepäck hatte und vorstellte. Dirk Müller-Remus, Gründer und Geschäftsführer der Auticon GmbH und Manuela Maurer, Gründerin der Hundebande e. V., erzählten lebendig aus dem Leben von Gründern, die – im Gegensatz zu Funktionären und Managern – mit hohem persönlichen Risiko ihre Ideen und Visionen umsetzen.

Was fehlte, war der Dialog, und zwar in vielerlei Hinsicht:

– Wenn die Veranstaltungsformate „Vortag“ und „Podiumsdiskussion“ den Tagesverlauf dominieren, reichen die anschließenden Fragerunden nicht aus, um Raum für Interaktion und Begegnung zu schaffen. Das ist besonders schade, wenn auf dem Podium Menschen sitzen, mit denen man sich unbedingt austauschen möchte.

– Die „Social Entrepreneurs“ waren irgendwie zwar anwesend, ihre Erwähnung zumindest fehlte in keinem Vortrag. Nur wo waren sie, abgesehen von den zwei Vertretern im Forum 7, das sich ausdrücklich mit neuen Geschäftsmodellen und sozialer Innovation auseinandersetzte?

– Viel wurde über glückliche und innovativ wirkende Mitarbeiter/-innen gesprochen – doch auf der Bühne fehlten sie. Hier dominierten die Powerpoint-Vorträge der Geschäftsführer und Vorstände.

Der unterhaltsamste Vortrag kam von einem Unternehmen, das zwar kein Sozialunternehmen, aber offenbar ein soziales ist. Andreas Thürmer, Prokurist der Berliner Stadtreinigung (BSR), berichtete vom Kulturwandel seines Unternehmens und beschrieb den Weg unter dem Motto „Von der Behörde zu „Halbgöttern in Orange“ – Der Weg der Berliner Stadtreinigung zum kommunalen Vorzeigeunternehmen“. Doch auch der spannendsten Schilderung von hoher Mitarbeiteridentifikation trotz harter Umstrukturierung fehlt die Überzeugungskraft, wenn Ergebnisse von oben verkündet werden. Und man fragt sich: Hat denn die BSR keinen Müllwerker, der reden kann? Und findet sich bei der AWO Braunschweig keine Mitarbeiterin, die mal aus ihrer Sicht ihre Rolle als Innovationsmotor schildern möchte?

Am Ende fuhr man nach Hause und war trotzdem beseelt und inspiriert. Das kam von den Veranstaltungen zwischen den Veranstaltungen: beim Frühstücksbuffet, zum Mittag und in der Pianobar kam man ins Gespräch, hier war der Raum für Überraschungen jenseits des Programmheftes. Die Location, das Maritim Hotel in der Magdeburger Innenstadt als Tagungs- und gleichzeitig Übernachtungsort leistete hierfür sehr gute Dienste.

Das können wir beim nächsten Mal noch besser machen:

– Erstens: Die Social Entrepreneurs einladen. Von jungen Wilden (die manchmal gar nicht so jung und manchmal gar nicht so wild sind) können alle lernen. Ihre ökonomische Relevanz wird gerne überschätzt, die Zahl ihrer Arbeitsplätze, Kunden und Einnahmen in Deutschland wird von jedem kleinen Ortsverband der Freien Wohlfahrtspflege übertroffen. Aber ihre Medienwirksamkeit ist immens, und darauf beruht ihre Wirkung in die Gesellschaft. Daran können die Großen sich orientieren, wenn es um moderne Medienarbeit und Netzwerkpflege geht, um Energie, die im Inneren entsteht und nach Außen wirkt. Und die neuen Social Entrepreneurs lernen von etablierten Organisationen, von den Überlebenskünstlern, die sich teilweise seit hundert Jahren immer wieder neu erfinden. Also – laden wir die Entrepreneurs ein. Und da sie sich 600 Euro pro Ticket nicht werden leisten können, müssen Möglichkeiten gefunden werden, 30 „Wild-Cards“ für die beiden Tage mit Übernachtung zu finanzieren. Wenn die Sozialbranche etwas kann, dann doch das: Wege finden, wo es eigentlich keine gibt. Finanzierung solidarisch organisieren, zum eigenen Vorteil und zum Vorteil aller.

– Zweitens: Diejenigen auf die Podien holen, über die diesmal nur geredet wurde – Mitarbeiter und Kunden. Der Kongress ist ausdrücklich für Führungskräfte der Sozialwirtschaft. Eben deshalb reicht es nicht, wenn wir uns nur selber zuhören.

- Drittens: Miteinander reden und arbeiten. Die Veranstaltungsbranche bietet Formate, die nicht nur der Verkündung dienen, sondern für überraschende Momente, Eindrücke und Begegnungen sorgen. In Barcamps treffen sich Vertreter aller Branchen und entwickeln die Inhalte während der Tagung selbst und dynamisch, sie dienen dem inhaltlichen Austausch und der Diskussion. Ein paar solcher Momente und Möglichkeiten täten unserem jährlichen Kongress gut. Oder, wenn das anstrengend und unvereinbar klingt, in den Jahren zwischen den Kongressen ein Barcamp der Sozialwirtschaft für alle jungen und jung gebliebenen Organisationen, für alle großen und kleinen Unternehmen und Verbände, die sich in Workshops, Diskussionen und Begegnungen austauschen und entwickeln wollen.

In Zeiten der Digitalisierung, Globalisierung und Ökonomisierung nahezu aller gesellschaftlichen Bereiche werden Treffen und echter Austausch nicht entbehrlich, sondern immer wichtiger. Deshalb ist der zweijährliche Kongress der Sozialwirtschaft so wichtig, und deshalb lebt auch er im Spannungsfeld seiner Tradition und seiner Innovation.

 

Oliver Schmidt berät Unternehmen der Sozialwirtschaft (andersBerater.de), schreibt auf Carta und im eigenen Blog (blog.zwo-punkt-null.de) über Management und Innovation und erklärt die Welt am liebsten in Vorträgen und Workshops.